Der König im Mann – der Mann als König

Die Entbindung von Opfer und Täter


Ein Artikel von Philipp Steinmann

Wir sind seit Geburt Könige im eigenen Reich. Allein schon die Fähigkeit entscheiden zu können, gibt uns eine königliche Macht unabhängig von ihrer Auswirkung. Doch je nach Umgebung und Intension der Bezugspersonen wird Kindern erlaubt sich königlich zu fühlen oder eben nicht. Als kleines Kind sind wir jedoch angewiesen auf das Wohlwollen unserer Umgebung. Unbewusst fassen wir in dieser Zeit Beschlüsse, die später unser Verhalten bestimmen. Wir wissen jedoch nicht, welche Macht unsere Entscheidungen haben.

Das Königreich des Kindes ist sehr klein gegenüber dem Königreich der Eltern. Doch um überleben zu können, muss es den Warenfluss zwischen den Königreichen aufrechthalten. Die Ware heißt Liebe. Um diesen Fluss nicht zu gefährden, beschließen Kinder daher oft unscheinbar zu werden. Und später in der Pubertät, in dieser massiven Umbauphase des Körpers, vergessen sie, dass sie Könige sind und entscheiden sich entweder für die Depression (Krankheiten, Drogen usw.) oder den oppositionellen Höhenflug (Ich zeige es euch). Doch beides ist nicht wirklich förderlich für ein gesundes Königreich und führt zwangsläufig in ein neurotisches Verhalten.

Opfer- und Täter im selben Mann

Das eine Verhalten ist die Reduktion der eigenen Persönlichkeit, das andere die Überhöhung. In beiden Polaritäten sind sowohl Opfer- als auch Tätergefühle zu Hause. Erstes führt zu einer gebeugten, engen Körperhaltung, zu einer Tendenz nach Fremdbestimmung und zur Übernahme von Schuldgefühlen. In diesem Zustand würde- und wirkungsvoll die Königskrone zu tragen ist unmöglich. Meist sind solche Männer zwar sehr verantwortungsvoll und erfüllen ihre Aufgaben, doch richten sie ihre Bedürfnisse primär nach den Wünschen ihrer Partnerinnen (oder der Firma) aus. Früher oder später führt dies zu einer Beziehungskrise, spätestens dann, wenn eine erstarkte, selbstbewusste Frau ein adäquates Gegenüber von Mann sucht. Männer, die sich über ein gesundes Mass hinaus anpassen, sich an Führerfiguren anlehnen ohne zu hinterfragen oder konfliktscheu in Beziehungen leben, sind oft geprägt durch starke Täterfiguren in ihrer Kindheit. Wenn ein Mann sich eingesteht, dass er Opferanteile in sich trägt, kommt er in Kontakt mit Gefühlen wie Hilflosigkeit, Ohnmacht, Verwirrtheit, Schuld, Schwäche usw. Doch die Annahme dieser Gefühle ist der erste Schritt, die Krone zurück zu holen.

Anders sind Männer mit einer Überhöhung ihrer Persönlichkeit. Sie neigen zu narzisstischem Verhalten und zu kontaktlosen Beziehungen mit Auf- und Abwertungen von sich selber, der Partnerinnen oder anderen Menschen. Während die Identifizierung mit einer Opferhaltung Frauen meist noch etwas leichter fällt als Männern, geht die Identifizierung als Täter den Männern fast komplett abhanden. In meiner Arbeit als Gestalttherapeut stelle ich immer wieder fest, wie Männer sich erschreckend von ihren inneren Täterfiguren abwenden, sobald diese in die Nähe der Bewusstheit gelangen. Es geht hier primär um die differenzierte, meist unmerkliche psychische Einflussnahme auf die Umgebung, vorwiegend auf Frauen oder Partnerinnen und weniger um körperliche Gewalttäter.

Männer erleben in der Pubertät ihre männlichen Vorbilder als stark und unabhängig. Es sind Männer, die wissen wo es lang geht. Diesen Attributen nachzuwachsen ist nicht nur gesellschaftlich anerkannt, sondern wird wiederholt durch Hollywood eingeimpft. Doch mittlerweile ist das Bild des machtvollen Ernährers und des souveränen Führers stark ins Schwanken geraten. Machos sind längst nicht mehr erwünscht und der gewachsenen Selbstwert der Frauen fordert differenzierte und reflektierte Männer. Wohin also mit diesen Vorbildfiguren? Diese werden irgendwo in den Innenraum abgelegt und wirken von hier. Sie suchen sich unbewusst einen Weg und erscheinen als gut getarnte Retter, die nicht gleich als Täterfiguren zu identifizieren sind. Doch jeder Mann trägt Täteranteile in sich. Diese zu verleugnen, würde heißen, Jahrhunderte patriarchale Prägung zu verneinen.

Initiationen

Männer brauchen Initiationen um sich von alten Rollen zu entbinden.

Damit Männer wieder die Königskrone tragen können, geht es darum sich von Opfer- und Täteranteilen zu lösen und diese in kraftschöpfende Königsbilder zu wandeln.

Um dies zu ermöglichen, braucht es zuerst den Abstieg in die eigene innere Unterwelt. Hier treffen Männer auf ihre ersten Täterfiguren, meist Vater und/oder Mutter. An diesem Ort braucht es zuerst Anschuldigungen. Was war nicht gut in meiner Kindheit? Was ist falsch gelaufen? Welche Aufgaben haben meine Eltern, meine Umgebung nicht übernommen? Bei dieser Aussprache geht es nicht darum, sich selbst als hilfloses Opfer zu erleben, sondern in Kontakt mit dem jungen Mann zu kommen, der damals nicht königlich sein durfte. Und das geht anfänglich nur über die Arbeit mit der Wut. Nicht ausgedrückte und explizit benannte Wut ist nicht einfach nicht vorhanden. Vielmehr nistet sie sich im Männerkörper ein und sucht sich verdeckt einen Ausdruck in Schuldzuweisungen, Rassismus, Abwertungen, Feindlichkeiten u.ä.

In einem zweiten Schritt geht es darum zu schauen, welche Beschlüsse hatte dieser junge Mann gefasst und in sein inneres Gesetzbuch geschrieben. Welche Wahl hatte er damals getroffen? Hatte er entschieden ein Draufgänger zu werden, zornig, aggressiv, gegen alles oder sich schuldig zu verstecken, anzupassen und sich klein zu halten?

Erst durch das Anerkennen dieser Entscheide übernimmt ein Mann Verantwortung und wird zum erwachsenen Mann. Erst jetzt können Vater und Mutter aus ihrer Schuld entlassen werden, die ihnen zugeschoben wurde und Vergebung kann erfolgen. Mit diesem Akt setzt Mann sich selber die Krone auf und nimmt sein eigenes Reich wieder in Besitz. An dieser Stelle erlässt Mann für sein eigenes Innenreich neue Gesetze und entbindet sich selbst aus den Rollen von Opfer und Täter.

 

Die Kriegerenergie verändert sich

Mit der erneuten Inthronisierung des Königs verändert sich auch die Rolle des Kriegers. Der machtvolle Krieger (Täter) kniet vor dem König. Er anerkennt, dass er die Güte des Königs braucht, um sich nicht länger für alte Wunden zu rächen. Und der machtlose Krieger (Opfer) braucht die mitfühlende Integrität des Königs um sich zu erheben und ins Handeln zu kommen.

 

Der Verwalter anstelle des Königs

In der Kindheit und Pubertät setzt der junge, noch machtlose König einen Verwalter ein. Diese durch stereotyp männliche Vorbilder geprägte innere Figur regiert solange bis der König zurückkommt. Der Verwalter folgt zeitlebens den alten Gesetzen und Beschlüssen, die er damals vom jungen, noch unwissendem König erhalten hat. Er regiert die ganzen Jahre in der Annahme, dass er im Interesse des Königs handelt. Er weiß nicht, dass die Gesetze dem neuen König nicht mehr dienlich sind. Mit dieser inneren Instanz muss der jetzt erwachsene König Verhandlungen aufnehmen. Der Verwalter muss geehrt und für seine Rolle bedankt werden, um ihn dann zu verabschieden, bzw. ihm eine neue Aufgabe zuzuteilen.

Die Krone tragen

Damit Männer die Krone wirklich tragen können, müssen sie damit einverstanden sein, sie zu tragen. Oft entscheiden sie zu schnell und aus einer Not heraus. Dann fehlen die innere Kraft und die tiefe, körperlich gespürte Notwendigkeit. Nur der Abstieg in die Unterwelt kann diese Kraft hervorholen. Doch kein Mann kann diesen Weg allein gehen. Er würde die dunklen Orte scheuen und dem Schmerz der Erinnerung an die alten Wunden ausweichen. Ein Mann, der diesen Weg geht, braucht andere Männer, die mit ihm zusammen hinuntersteigen. Es braucht Mut, Kraft und Zeit, um bewusst durch diese Prozesse zu gehen. Es braucht Männer, die andere Männer darin bestärken, dass Mann die Krone nehmen und sich aufsetzen darf. Das ist der Moment, an dem der Aufstieg aus der Unterwelt beginnt. Ein König, der den eigenen Schattengestalten in der Unterwelt begegnet ist, kehrt mit Verletzungen und einem blutenden Herz zurück. Doch erst dadurch ist er in der Lage mit Liebe, Demut und mit Wahrhaftigkeit in seinem Reich zu regieren.

Manchmal geht einer los auf den Weg und weiß nicht, was er sucht. Doch in sich ahnt er, dass es um seine Wahrheit und seine Würde geht. Es ist die Suche nach dem heiligen Gral, die Suche nach der eigenen Königskrone.

Ein Mann braucht andere Männer, die ihn daran erinnern, dass er seine Krone tragen darf.

Über den Gast-Autor Philipp Steinmann:

Philipp Steinmann ist Gestalttherapeut, Systemischer Gestaltcoach und engagiert in der Männerarbeit. In seiner Praxis in CH-Winterthur arbeitet er mit Einzelpersonen und Paaren. Er begleitet in zahlreichen Workshops Menschen in ihren Prozessen hin zu mehr authentischem Ausdruck, der aus einem inneren Kern kommt. Seine Arbeit zeichnet sich mehrheitlich durch einen körperorientierten Ansatz aus.

 

Danke, Philipp

Wir danken Philipp für seinen wunderbaren Artikel. Er spricht sowohl Männer, als auch Frauen an und erweitert das Bewusstsein sehr.

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